| Sie kennen das sicher: Sie betrachten ein altes Foto von sich und überlegen, wie Sie jemals auf die Idee kommen konnten, mit DER Frisur und DEM Outfit auf die Straße zu gehen. Ein bisschen so geht es uns, wenn wir alte Ausgaben unseres Gastroführers betrachten. Schaut man sich die ersten Cover so an, wird schnell klar: 15 Jahre sind auch im Styling von Printmedien eine verdammt lange Zeit.
Fast eine Ewigkeit: 5 Generationen Gastronomie
In Münsters Gastronomie ist diese Zeitspanne - zumindest gefühlt - eine noch weitaus längere: Fast 30 Prozent beträgt die aktuelle Quote der jährlichen Schließungen und Umfirmierungen. Da sind 15 Jahre - streng rechnerisch - gut 5 Generationen Gastronomie.
Recht unbehelligt von diesem andauernden Wechsel ist die Münstersche Traditionsgastronomie von Leve bis Pinkus Müller. Seit teilweise über 400 Jahren existieren diese Lokale in ähnlicher Form und werden das vermutlich ewig so weiter tun, weil sie eben typisch sind für diese Stadt. In vielen anderen Bereichen sieht das völlig anders aus.
Zu neuen Ufern: Hafen, Aasee, Germania Campus
Ein Blick zurück ins Jahr 1994 verdeutlicht, wie stark sich die hiesige Szene verändert hat. Einige Orte, an denen Gastronomie in Münster heute maßgeblich stattfindet, waren damals aus gastronomischer Sicht noch gar nicht oder völlig anders erschlossen: Hafen, Aasee und nicht zuletzt der jüngst wiederbelebte Germania Campus.
Am Hafen zum Beispiel wurden anno 1994 noch Frachtkähne entladen und lediglich das Hafenfest lockte einmal pro Jahr einige Wasserfeste ans Hafenbecken. Gastronomie: ansonsten Fehlanzeige. Die konzentrierte sich damals noch im Kern auf die Innenstadt. Fünf große Kinopaläste belebten allabendlich die City. Die ehemalige Germania-Brauerei hingegen war gerade mit riesigem Aufwand zu einer Erlebnis-Therme umgebaut worden. Gleich nebenan lockte die Jovel-Music-Hall Party-People vor allem am Mittwoch und am Wochenende an die Grevener Straße. Am vorderen Aasee wiederum gab es gerade mal einen Kiosk, der Spaziergänger versorgte.
Die Kaffee-Revolution
Neben den Orten hat sich auch das gastronomische Angebot in Münster im Laufe der Jahre deutlich verändert. Wer heute in der Shopping-Pause oder zwischen zwei Seminaren in der City einen Kaffee trinken möchte, findet an jeder Ecke eine Coffee-Bar – nicht einmal Handy-Läden sind zahlreicher. 1994 war dieses Bedürfnis noch nicht einmal erfunden. Pausierende Kaffee-Freunde hatten gerade mal die Auswahl zwischen einer handvoll Lokalitäten - vom legendären Café Schucan über Café Kleimann bis zu Grotemeyer – wo man sich eher zum Genießen als auf ein schnelles Heißgetränke niederließ. Außengastronomie-Konzessionen in der City waren zudem selten wie die Blaue Mauritius. Im Sommer pilgerte man allabendlich in Scharen aus der City hinaus in die großen, ländlichen Biergärten. Kruse Baimken musste bei Biergartenwetter selbst die Aasee-Wiese nebenan mit Bierbänken bestücken. Heute findet man kaum einen Bürgersteig in der City, auf dem keine Tische und Stühle zum Verweilen einladen und am Aasee und Hafen locken maritime Außenplätze im Überfluss.
Nach Sendeschluss: Die Entdeckung der Nacht
Aber auch in anderer Hinsicht haben sich die Rahmenbedingungen der Gastronomie seither stark verändert. Seit dem Fall der Polizeistunde hat der Münsteraner die Nacht zum Ausgehen entdeckt – auch jenseits eines Hähnchen-Mahls im Nordstern: anno 1994 eine der raren Möglichkeiten nach 1 Uhr nachts noch irgendwo einzukehren. Das Resultat: Einschlägige Etablissements wurden scharenweise zu Musik-Clubs, Kneipen zu Bars und Nachtlokalen und Münster zu einer City, die niemals schläft.
Nicht immer, aber immer öfter: Events
Die Eventkultur hat nicht nur Münsters Gastronomie mittlerweile voll im Griff. Gut ist, was selten ist und man nicht täglich haben kann. Münsters Meile, Altstadt Live, Hafenfest, Kunstrasen, Coconut Beach, Oktoberfest oder Hafenarena – besondere Ereignisse oder bestimmte Temperaturen verlangen nach maßgeschneiderten Events, die Münster en masse bietet.
So oder so: Großstadt oder Wohnzimmer
Als Münster-Geht-Aus-Redaktion haben wir fast alle neuen Betriebe der letzten 15 Jahre kommen und manchmal auch schnell wieder gehen sehen - von der Latino- bis zur Lounge-Welle. Natürlich entwickelt man dabei eine Art Gespür, was funktionieren kann und was nur bedingt. Man betritt zum ersten Mal ein Lokal und denkt intuitiv „wow – super Konzept“ oder „keine 2 Jahre“ und ist dann doch immer wieder mal überrascht, welche Geschäftsidee tatsächlich ankommt oder scheitert. Würden wir einen Strich darunter ziehen und resümieren, welches die Kriterien sind, die erfolgreiche Gastronomie in Münster ausmacht, fallen uns dennoch zwei Typen auf.
Einmal sind das sehr professionelle Konzepte, mit einem zuverlässigen Angebot, stylischem Interieur und einer Größe, die sowohl Schwellenängsten vorbeugt als auch eine gewisse, großstädtische Anonymität garantiert. Der andere Typus ist fast das exakte Gegenteil und ein guter Grund für das Comeback der Viertelkneipe: Kuschelige, kleinere Konzepte mit authentischem Flair, einem omnipräsenten Inhaber(team) und viel Individualität. Zweites Wohnzimmer oder urbane Anonymität – beides bietet Münster wie keine zweite Stadt dieser Größe auf dermaßem engem Raum. Und dies ist es wohl auch, was den Erfolg und die Anziehungskraft Münsters als Ausgehstadt ausmacht. Weiter so! |